Um das Ausmaß meiner Spätfolgen zu verdeutlichen, schreibe ich hier Auszüge aus meinem Gutachten vom OEG. Für mich persönlich bedeutet es, das ich lebenslänglich habe, denn die meisten meiner Krankheitsbilder kann man nicht heilen! Man kann nur versuchen sie "unter Kontrolle" zu kriegen und zu lernen mit ihnen zu leben.

Ärztlicher Dienst

Nervenärztliches Gutachten

Martina W.

 

 

 

 

Aktenlage:

Der Nervenarzt Herr Dr. M. geht in seinem Bericht von einer depressiven Episode bei Frau W. aus. - Auf Blatt 98 ergänzt er, daß Frau W. In ihrer Kindheit geschlagen und misshandelt worden sei, es bestünden selbstverletzende Handlungen, sie habe Angst vor Schmuck und leide unter depressiven Verstimmungen, Panikattacken, Albträumen, Schlaflosigkeit,  Angst vor Menschen und haptischen und olfaktorischen Halluzinationen. Er diagnostiziere eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Borderline Persönlichkeitsstörung, eine Angststörung und eine Migräne.

Herr Psychotherapeut Dr. D. diagnostiziert bei Frau W. eine neurotische Depression bei aggressionsgehemmter Persönlichkeit und kompensatorischer Eßstörung. Zugrunde liege ein sexueller und anderweitiger Gewaltmissbrauch seitens des spanischen Stiefvaters mit Billigung der leiblichen Mutter.

In seinem Attest diagnostiziert Herr J. K. Depressionen, Eßstörungen, Migräne, rez. Hypoglykämien, chronische Diarrhoen, einen Vitamin B12 Mangel, so wie einen Zustand nach Cholezystektomie.

Die Psychotherapeutin Frau M. H. beschreibt eine schwere depressive Neurose, Panikattacken und eine Persönlichkeitsstörung aufgrund eines schweren fortgesetzten sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. Zur Begutachtung reichte Frau W. ein Attest von Frau H. nach mit der Bitte, ihr eine körperliche Untersuchung zu ersparen.

Beschwerdebild:

Während der Jahre des Missbrauchs habe sie gelernt, in den Missbrauchssituationen abzuschalten, sie habe an etwas anderes gedacht und sei gefühllos geworden, sonst hätte sie es nicht ertragen. Sie habe sich einsam und alleingelassen gefühlt, und da ihre Mutter sie nicht beschützt habe, habe sie geglaubt ein schrecklicher Mensch und nicht liebenswert zu sein. Sie selbst habe ihre Mutter damals noch sehr geliebt. Inzwischen habe sie allerdings den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Mit 12 Jahren sei sie so verzweifelt gewesen, das sie sich habe umbringen wollen, die Nonnen in dem Heim, in dem sie damals gelebt habe, hätten sie jedoch vor dem Tablettenschrank erwischt und eine Tabletteneinnahme verhindert. Sie sei dann zu einem Psychiater gebracht worden und habe ein halbes Jahr eine Behandlung gehabt, sie habe sich aber dem Arzt nicht anvertraut. Die verodneten Antidepressiva habe sie nicht eingenommen. Im Alter von 10 Jahren habe sie schon erste Selbstverletzungen begonnen, indem sie Zigaretten auf ihrem Arm oder Bein ausgedrückt oder sich mit Glasscherben geritzt habe. Einmal habe sie sich einen Apfelausstecher in den Bauch gerammt. In den letzten Jahren seien die Selbstverletzungen seltener geworden, doch im letzten Jahr habe sie ihren Arm in den heißen Backofen gelegt, da sie sich habe spüren wollen.

Seit ihrem 8. Lebensjahr habe sie angefangen viel zu essen, damit sie dick und häßlich würde in der Hoffnung, dass sie dann nicht weiter missbraucht würde. Über viele Jahre habe sie dann Essanfälle gehabt, habe manchmal eine ganze Torte auf einmal gegessen oder den Inhalt eines ganzen Kühlschrankes, bis sie Darmkrämpfe und Durchfälle bekommen habe. In traurigen oder ärgerlichen Situationen verspüre sie noch heute den starken Drang zu essen, andererseits könne sie auch lange Zeiten gar nichts essen.

Bis heute könne sie nicht im Dunkeln schlafen, sie würde auch nicht im Dunkeln aus dem Haus gehen. Bis heute habe sie durchschnittlich 1 x pro Woche einen Albtraum, nach denen sie dann nicht mehr einschlafen kann. Auch an den darauf folgenden Abenden habe sie dann aus Angst vor den Albträumen Angst einzuschlafen. In früheren Jahren, als noch nicht ihr Lebensgefährte (damit ist Aaron gemeint, da waren wir noch nicht verheiratet) neben ihr geschlafen habe, habe sie am Bett Pfefferspray stehen gehabt und ein Telefon. Sie habe immer in der Angst gelebt im Schlaf angegriffen zu werden.

Sie habe Angst vor fremden Menschen, vor ihrer körperlichen Nähe und vor ihren Gerüchen. Es komme immer wieder vor, dass bestimmte Gerüche zu intensiven Wiedererinnerungen an die Tatvorgänge führen. Wenn jemand im Gedränge z.B. in der U-Bahn an ihren Arm stoße, brenne der wie Feuer und sie müsse den Arm waschen, bekomme einen Ausschlag und könnte schreien und „ausrasten“. Auch diese Erfahrungen seien mit Wiedererinnerungen verbunden. Diese Ängste habe sie auch mit guten Freundinnen, lediglich ihre eigenen Kinder könne sie in den Arm nehmen und schmusen.

Sie habe es nicht gelernt ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Schon als Kind und Jugendliche habe sie sich nichts zugetraut, deshalb auch nichts zu Ende geführt, sie habe sich selbst in schlechtem Licht gesehen, beschmutzt und stigmatisiert, als ob jeder ihr ansehen könne was ihr widerfahren sei. Bis heute könne sie sich vor niemandem ausziehen und sei auch nicht in der Lage sich im Spiegel zu betrachten. Körperliche Untersuchungen bei Ärzten seien für sie ein Horror, etliche Male sei sie bei ihrem Gynäkologen gewesen, ohne sich untersuchen lassen zu können. Über Wochen habe sie schlimme Gallenkolliken ertragen, nur um den Arztbesuch zu vermeiden. Selbst ein Zahnarztbesuch sei für sie eine fast unüberwindliche Hürde. Tagelang habe sie sich auch deshalb vor dem heutigen Untersuchungstermin mit Ängsten gequält.

Durch ihre Fähigkeit, in Mißbrauchssituationen abzuschalten und sich gefühllos zu machen, habe sie bestimmte Anteile ihrer Persönlichkeit abgespalten, auf die sie in dann in verschiedenen Situationen auch keinen Zugriff habe. Es sei schon vorgekommen, das sie Menschen nicht erkannt habe, die behaupteten mit ihr ausführlich gesprochen zu haben, oder das sie in verschiedenen Situationen ganz anders reagiert habe, als sie eigentlich gewollt habe. Dies habe immer wieder zu Mißverständnissen, Konflikten und Befremden bei anderen geführt. Während der Therapie lerne sie immer besser sich als Gesamtpersönlichkeit zu sehen.

Zusammenfassung und Beurteilung:

Frau W. wurde von ihrem 8.-16. Lebensjahr von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Vor dem Missbrauch erlebte Frau W. den angeblichen Selbstmord ihres Vaters durch eine Gasexplosion, als sie 6 Jahre alt war, die folgenden Jahre verbrachte sie in Heimen und Pflegefamilien mit ihrer kleinen Schwester.

Die komplexe Symptomatik von Frau W. beinhaltet zwar einerseits die typischen Kriterien der posttraumatischen Belastungsstörung mit Albträumen, Wiedererinnerungen und Vermeidungsverhalten, geht aber weit darüber hinaus und betrifft auch Störungen der Affektregulation einschließlich Selbstverletzungen, dissoziative Symptome, Störungen der Selbstwahrnehmung in Form von Schuld- und Schamgefühlen und unzureichender Selbstfürsorge, Störungen in der Beziehung zu anderen Menschen mit wiederholten Viktimisierungen, im Falle von Frau W. der Bindung an einen ebenfalls gewalttätigen Partner und somatoforme Symptmome. Es handelt sich um das typische Symptomspektrum nach schwersten und lang anhaltenden Traumatisierungen, die, wenn sie im Kindesalter stattfinden, die gesamte Persönlichkeitsentwicklung betreffen und deren Folgen in der neuen Literatur als komplexe posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet werden. Die Symptomatik war und ist behandlungsbedürftig und hat sich in Teilbereichen unter psychotherapeutischer Hilfe auch bereits gebessert.

Im Hinblick auf die ursächliche Zuordnung der Störung muss bedacht werden, das Frau W. nicht nur dem langjährigen früh begonnenen sexuellen Missbrauch ausgeliefert war, sondern ebenso schwerwiegende Beeinträchtigungen des Milieus mit emotionaler Vernachlässigung erdulden musste. Hier sind der Verlust des leiblichen Vaters, die psychische Erkrankung der Mutter und die Unterbringung in 5 verschiedenen Heimen und 5 verschiedenen Pflegefamilien zu nennen. Ausgehend von der heutigen Symptomatik ist es nicht möglich einen Teil der Beschwerden als eindeutig schädigungsunabhängig abzuspalten. In Abwegung der Bedeutung des Missbrauchs einerseits und des sozialen Milieus andererseits kommt wohl letztlich dem 8 Jahre langen Missbrauch doch die führende Rolle zu. Es kann daher nur empfohlen werden, die Gesamtheit der heutigen Störung als schädigungsbedingt anzuerkennen.

Entscheidung:

Es wird festgestellt, dass Sie durch die Gewalttaten in den Jahren 1973 – 1981 eine gesundheitliche Schädigung im Sinne des OEG erlitten haben. Als Folgen dieser Schädigung wird anerkannt:

                                                                      Komplexe posttraumatische Belastungsstörung

© by Tina 2009

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