Geboren wurde ich im Mai 1966, obgleich meine Mutter - laut eigenen Aussagen -dreimal versucht hatte mich abzutreiben. Mein erstes Lebensjahr verbrachte ich fast ausschliesslich bei der Tante meiner Mutter, die mich direkt von der Klinik aus bei sich aufnahm.

An meine ersten 5, 6 Lebensjahre erinnere ich mich kaum und das meiste weiss ich aus Erzaehlungen meiner Mutter und meiner Geschwister. An meinen Vater erinnere ich mich jedoch recht gut, denn ich liebte ihn sehr und ich war wohl auch sein auserkorener Liebling. Meine Eltern hatten laengst keine harmonische Ehe mehr, denn meine Mutter betrog meinen Vater staendig mit irgendwelchen Bauarbeitern und mein Vater, der ein echter workaholic war, betaeubte seinen Schmerz mit Alkohol und verdrosch uns dann oftmals alle. Trotzdem liebte ich meinen dad, denn er hatte auch Phasen in denen er ein wirklicher Vater war, uns im Hof eine Strohhuette baute damit wir Maedchen unsere Puppenkleider im Sommer waschen konnten, Versteck spielen und einfach Kind sein konnten.

Als ich 5 war, kam meine Mutter ins Krankenhaus, ich glaube ihr Blinddarm musste raus. Dort lernte sie Manuel kennen. Ein Spanier, der kein Wort Deutsch sprechen konnte. Sie hatte schon was mit ihm, als sie im Krankenhaus lag und als sie Nachhause kam, belaberte sie meinen ahnungslosen dad, damit er diesem Mann ein Zimmer in unserem Haus vermietete, denn er wusste nicht wohin. Vater tat es, weil wir die Knete brauchten und er sowieso schon arbeitete wie ein Tier und es scheinbar dennoch nie reichte. Mutter setzte ihre Affaere ungeniert fort und wurde schwanger. Manuel verstand es sich bei uns kids einzuschleimen. Waehrend Vater in Schichten malochte um uns durchzubringen, ging er mit Mutter und uns ins Schwimmbad, spielte mit uns und tat all das wozu Vater keine Zeit hatte. Ich lernte schnell Spanisch, denn als Kind faellt es einem echt leicht eine andere Sprache zu verstehen. Das er damals schon meinem elfjaehrigen Bruder Pornozeitungen zeigte und ihm erklaerte, dies sei nun ihr Geheimnis, wusste ich nicht. Vater wurde irgendwann wach und begriff was da lief. Eines Nachmittags im November rief er mich in den Garten, strich mir ueber den Kopf und sagte: "Gell, meine kleine "Geischelin" (ich weiß nicht was dieser Name bedeuten sollte, aber so nannte er mich immer), du vergisst deinen Papa nicht, oder ?" Ich sah zu ihm hoch und fragte: "Wieso soll ich dich vergessen ? Willst du weggehen ?" Ich erinnere mich, das er Tränen in den Augen hatte, aber ich hab nicht begriffen wie ernst dieses Gespräch eigentlich war..... Ich fragte noch einmal: "Wieso sollte ich dich denn vergessen ? Du bist doch mein Papa !" Da drückte er mir eine Mark in die Hand, lächelte und sagte, ich solle mir was kaufen gehen. Ich nahm diese bescheuerte Mark, freute mich wie eine Schneekönigin über das was ich mir davon alles kaufen konnte und rannte gleich los zum nächsten Süssigkeitenladen.... Heute bereue ich es ! Ich hätte dableiben sollen, mit ihm sprechen... Vielleicht hätte es etwas an seinem Vorhaben geändert ? Aber ich war ein Kind und ich hatte keine Ahnung von dem Drama das sich anbahnte und mein ganzes Leben aus der Bahn werfen würde...Am nächsten Tag flippte Vater völlig aus und es gab Streit. Er betrank sich, verdrosch uns alle und wir flüchteten zu unserer Ur-Oma nach Wiesbaden Biebrich. Am nächsten Morgen erhielten wir die Nachricht, das er unser Haus in die Luft gejagt hatte und dabei selbst ums Leben kam. Ich war 6 Jahre alt und irgendwie begriff ich nicht, das er nie wieder zurückkommen würde. Meine Mutter erlitt einen Nervenzusammenbruch und kam in ein Krankenhaus. Wir Kinder kamen zu der Mutter unserer Mutter und meine Kindheit war von heute auf Morgen beendet. Die Kinder in der Schule liefen mir mit dummen Sprüchen nach, das man meinen Vater mit Plastiktüten aus dem Haus getragen habe, weil ja nicht mehr viel von ihm übrig gewesen wäre. Sie lachten mich aus, weil von dem Druck der Explosion unsere Gardinen auf den Bäumen der gegenüberliegenden Anlage gehangen hatten und unsere Fahrräder in die Mauer des Nachbarhauses gepresst waren... Auf die Beerdigung durften wir auch nicht, denn unser Opa hielt es für besser uns zu schonen, obgleich ich gerne von meinem Vater Abschied genommen hätte. Vielleicht hätte ich auch begriffen, das es endgültig war und er nie wieder zu uns zurückkommen würde?  Opa sperrte uns jedoch im ersten Stock seines Hauses ein, damit wir nicht zur Beerdigung laufen konnten. Mein Bruder sprang vom Balkon und rannte zum Friedhof, aber wir Mädchen trauten uns nicht da runter zu springen...

Bei unserer Oma konnten wir nicht lange bleiben, denn sie war selbst ein Pflegefall. Also kam das Jugendamt und brachte uns in ein Kinderheim. Das Heim lag im tiefsten Bayern und es lag meterhoch Schnee. Die Kinder waren nach ihrem Alter in Zimmer eingeteilt. Mein Bett war viel zu klein für mich und meine Füße hingen unten raus. Nachts durften wir nicht aufs Klo gehen und wenn wir es doch taten, mussten wir zur Strafe mit unserem Bettzeug auf einem Stuhl schlafen. Unter Bewachung einer Erzieherin. Da ich das natürlich nicht wollte, pinkelte ich manchmal auf Anziehsachen, die ich dann über Nacht auf die Heizung legte, damit sie am Morgen wieder trocken waren. Ein Mädchen aus meinem Zimmer verdrosch mich oftmals und ärgerte mich immer. Eines Nachts, als ich mal wieder aufs Klo musste, pinkelte ich in ihr Bett und sie wurde nicht einmal wach. Dafür bekam sie jedoch einen Riesenärger am nächsten Morgen. - Die Kinder dort hatten vom Heimleiter unsere Geschichte erzählt bekommen und vermutlich dachte der gute Mann, das sie dann schonender mit uns umgehen würden ? Das taten sie jedoch nicht, denn im Speisesaal saß neben meiner älteren Schwester und mir noch ein Zwillingspärchen, das ziemlich gehässig war. Beim Frühstück hetzte die eine der Beiden immer: "Na Martina, ist schon Scheiße so ohne Papa gelle ? Sicher war von ihm nicht mehr viel übrig und er war bestimmt total verkohlt !" Irgendwann konnte ich das nicht mehr ertragen und rotzte ihr auf ihr bescheuertes Nutellabrot. Sie fing an zu brüllen bis eine Erzieherin kam, der sie unter Tränen berichten konnte, das ich ihr aufs Brot gespuckt hatte. Die Frau fragte nicht einmal nach dem Grund, sondern packte mich ziemlich unsanft am Arm und zerrte mich auf eine Empore, auf der ein Tisch stand und der von allen Kindern gut gesehen werden konnte. Dort stieß sie mich auf einen Stuhl der am Tisch stand, stellte mir den Teller mit dem bespuckten Nutellabrot vor die Nase und meinte, ich solle es essen. Ich sagte, das ich dieses Brot nicht essen würde und sie brüllte, das keiner einem anderen aufs Brot spucken dürfe und ich solange dort sitzen bleiben müsse, bis ich es gegessen hätte, ganz gleich wie lange es dauern würde. Also saß ich dort, von unzähligen Kinderaugen beobachtet und rührte mich nicht. Nach dem Frühstück gingen alle raus, nur ich musste sitzen bleiben. Ich saß den ganzen Vormittag dort, bis alle zum Mittagessen kamen. Als ich auch dann dieses Brot nicht aß (das Mittagessen durfte ich nicht anrühren), musste ich weiterhin sitzen bleiben. Sie dachten wahrscheinlich, das mein Hunger irgendwann siegen würde, aber dem war nicht so ! Den ganzen Nachmittag saß ich allein in diesem gigantischen Speisesaal und nur die Tränen die ich aus Wut weinte waren bei mir. Dieses blöde Brot rührte ich nicht an ! Irgendwann wurde es dunkel und alle Kinder kamen wieder zum Abendessen. Der Erzieherin stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben und sie versuchte es noch einmal mit Gebrüll, aber erfolglos. Also musste ich zur Strafe die Nacht im "Arrestzimmer" verbringen. Das war ein Zimmer im Keller, wo kein anderer schlief und man ganz allein war. Ich saß auf diesem Bett und wusste, das niemand außer mir dort unten war und ich heulte Rotz und Wasser. Ich vermisste meinen Vater und ich vermisste meine Mutter... und ich hatte furchtbare Angst..... !

Nach ca. 5 Wochen wurden wir in eine Kinderkur in die Nähe von Kassel verlegt. Der Laden war fast noch übler, denn ständig wollten sie einen massieren, Blut abnehmen, untersuchen... Die Erzieherinnen waren sehr streng und die Jungs wurden peinlichst genau von den Mädchen getrennt. Meinen Bruder sah ich nur beim Essen, denn er saß am anderen Ende des Speisesaals und wir konnten nicht miteinander sprechen. Auch musste gegessen werden was auf den Tisch kam und meine ältere Schwester hasste schon immer Karotten. Sie ekelte sich so sehr davor, das sie jedes Mal kotzte, wenn sie welche essen musste. Als es dort Karotten gab erklärte sie der Erzieherin, das sie diese nicht essen könne, weil sie sonst brechen müsse, aber sie wurde gezwungen sie zu essen. Ich wusste genau was passieren würde und sah meiner Schwester erwartungsvoll beim Essen zu.... Es dauerte auch nicht lange und sie kotzte alles auf den Tisch.... Wofür sie natürlich mächtig Ärger bekam!

Nach etwa sechs weiteren Wochen durften wir "Nachhause". Wir hatten keine Ahnung wo das sein würde. Mit einem Bus wurden wir nach Frankfurt gebracht, wo unsere Oma (die Mutter unserer Mutter) uns abholte. Sie brachte uns zu der neuen Wohnung, die unsere Mutter in der Zwischenzeit angemietet hatte. Unser Haus hatten wir bei der Explosion verloren und es standen nur noch die Grundmauern davon auf unserem Grundstück. Das Klo hatte es auch nicht rausgerissen und auch die Badewanne stand noch an ihrem alten Platz. Es war - wenn ich heute so drüber nachdenke - schon ein makaberer Anblick... Den ersten Stock und den Dachboden hatte es weggerissen, aber dieses Klo stand noch da, als sei nichts passiert... Unsere neue Wohnung war eine etwa 60 qm kleine 2 ZKB Bude. Mutter hatte zwischenzeitlich ein Baby bekommen, meine 7 Jahre jüngere Schwester Christina. Die Kleine schlief bei ihr und Manuel im Schlafzimmer. Das andere Zimmer musste ich mir mit M. (meinem fünf Jahre älteren Bruder) und S., meiner zweieinhalb Jahre älteren Schwester teilen. Bei uns im Haus wohnte noch eine Frau mit ihren drei Kindern. Claudia, Kerstin und Frank hießen sie. Ich freundete mich mit Kerstin an, die nur ein paar Monate älter war und manchmal spielten wir zusammen mit ihrem Bruder Frank, der etwa das Alter meines eigenen Bruders hatte. Ich glaube, damals war ich für alles was passiert war dennoch noch immer sehr "normal". Ich konnte noch unbefangen spielen, ich konnte lachen, ich hatte keine Maske auf meinem Gesicht... Wir spielten manchmal ein bescheuertes Spiel. Frank stand am Lichtschalter und der Rollladen war runtergelassen. Er knipste das Licht aus und sagte mal langsam, mal schneller: "Licht aus, Licht aus, alle Polizisten ziehen sich nackig aus !" Wenn er dann das Licht anschaltete, mussten wir unsere Hosen runtergezogen haben und ihm den nackten Hintern entgegenstrecken. Wer die Hose nicht unten hatte und den Hintern nicht in Position, der hatte verloren. Der Gewinner durfte dann an den Lichtschalter und den Spruch aufsagen. Wir haben uns halb totgelacht.... Als ich sah, das Jungs da unten was anderes haben als Mädels und sie im Stehen Pinkeln können, wollte ich das auch unbedingt.... Ich stellte mich damals neben Frank ans Klo und versuchte im Stehen zu Pinkeln... Die Hälfte ging daneben und ich sah zu das ich es wegwischte, bevor seine Mama es sehen konnte und es Ärger gab. Wir fanden das total lustig und er fand es cool, das ein Mädchen fast so gut im Stehen Pinkeln konnte wie ein Junge. Eigentlich waren wir alle arme Schweine, denn wir hatten nicht sehr viel zu Lachen ! Franks Mama war alleinerziehend und cholerisch. Ich wusste, das sie ihre Kinder aufs Übelste verprügelte und sich einen Dreck um sie kümmerte. Außerdem bekamen sie genauso selten was zu Essen wie wir selbst ! Die Knete reichte nie und wenn wir was zu Essen bekamen, dann waren es Haferflocken, Pudding, oder fettige Pommes, für deren Zubereitung wir die nötigen Kartoffeln erst einmal auf einem Acker klauen mussten... Unsere Anziehsachen und Möbel hatten wir vom roten Kreuz, denn es war ja alles verbrannt. Sie haben uns auch einige Spielsachen geschenkt, denn wir hatten ja gar nichts mehr. In dieser Zeit begann auch mein Missbrauch. Mutter kam nicht einmal mit dem Baby zurecht und lag mehr wegen ihrer Depressionen und Angstzustände im Bett, als das sie auf den Füßen war. Manuel badete uns immer. Einzeln versteht sich ! Ich war damals sieben und ich hasste es, wenn er mich badete. Erst wusch er mir die Haare und wie alle kleinen Mädchen wohl sind, war auch ich ziemlich empfindlich, wenn Schaum in meine Augen kam und er mir das Shampoo zu grob einmassierte. Ich bat immer wieder darum mich allein waschen zu dürfen, denn ich hätte das auch gekonnt. Aber er wollte es mich nicht selbst machen lassen. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn er aus diesem verfluchten kleinen Bad gegangen wäre und ich mich hätte allein waschen dürfen. Aber das ließ er sich nicht nehmen, denn so konnte er mich immer ausgiebig zwischen den Beinen waschen und ich werde seinen ekelhaften Atem und seine widerlichen Blicke dabei wohl nie vergessen...  Aber ich hatte keine Ahnung, das dies alles was mit Sex zu tun hatte. Ich hatte keinen Plan davon, das kein (Stief)vater das zu machen hatte. Ich war nur jedes Mal froh, wenn er mich aus der Badewanne entließ und ich wieder aus diesem furchtbaren Bad durfte...

Es dauerte gar nicht lange und Mutter kam wieder in eine Psychiatrie. S. und M. kamen zu Verwandten, aber Christina und mich wollte niemand aus der Verwandtschaft. Also kamen wir in eine Pflegefamilie nach Frankfurt/Sindlingen. Die Pflegemutter hatte viel zu viele Pflegekinder und dazu noch fünf eigene. Sie war ein echter, geldgeiler Drachen! Wir waren noch keine Stunde dort, als sie mich in die Küche zerrte, ein Fläschchen für meine kleine Schwester zubereitete und sagte: "Pass gut auf wie ich das mache, denn ab sofort wirst du das tun ! Ich zeig dir auch gleich wie du deine Schwester wickeln musst, denn wenn du das alles nicht machst, tut es niemand!" Dann zog sie mich in eine Art Durchgangszimmer, in dem eine alte Klappcouch am Fenster stand. Sie zeigte auf die Couch und meinte, das dies unser Bett sei, denn ein Babybett hätte sie nicht und da wir ja Schwestern seien, könnten wir eh in einem Bett schlafen. Dann drückte sie mir das Fläschchen in die Hand und ging aus dem Zimmer. Meine Schwester lag auf einem Sessel und brüllte. Ich hatte sie noch nie gefüttert, denn Zuhause hatte das immer meine Mutter oder Manuel gemacht. Ich stellte dieses Fläschchen auf den Tisch und nahm meine Schwester vorsichtig hoch, denn sie konnte ihren Kopf noch nicht allein halten. Dann setzte ich mich auf den Boden, nahm die Flasche und probierte erst einmal davon, denn ich hatte Angst, das die Milch zu heiß sein könnte. Ich dachte, das es okay sei und drückte ihr den Sauger in den Mund. Ich glaub, auch wenn ich meiner Mutter schon oft dabei zugesehen hatte, hab ich mich ziemlich ungeschickt angestellt, aber so verkehrt kann es auch nicht gewesen sein, denn meine Schwester ist heute 35 und sie hat meine "Ammeneinsätze" scheinbar ganz gut überstanden ! Nachts schlief ich nicht mehr, denn ich hatte Angst, das ich mich im Schlaf auf sie drauf legen könnte. Außerdem musste ich sowieso alle paar Stunden aufstehen, ihre Flasche machen und sie wickeln. Morgens war ich wie erschlagen. Ich schlief im Unterricht ein und in den Pausen hatte ich auch nicht viel zu lachen, denn die Kinder hatten von den Kindern der Pflegemutter erfahren, das ich eins der Pflegekinder war. Sie verdroschen mich, denn es machte ihnen wohl Spaß, weil ich zum einen zu müde und zu kaputt war mich zu wehren und zum anderen Angst hatte, weil sie immer mehrere waren. Wenn kein Lehrer in der Nähe war, hatte ich echt schlechte Karten. Sie hänselten mich, weil ich kein "richtiges" Zuhause hatte, keine Mama und keinen Papa wie alle anderen. Nach dem Unterricht rannte ich immer "Nachhause", denn ich hatte Angst, das meine Schwester verhungern würde, oder in ihrer eigenen Scheiße liegen könnte. Dort angekommen gab ich ihr erst einmal essen und machte sie sauber. Dann musste ich auf einer der beiden Tierfarmen der Pflegemutter arbeiten. Sie hatten unzählige Hühner und Hasen. Ich musste die Ställe ausmisten, füttern und die Eier einsammeln. Einen Hasen fand ich besonders niedlich. Ich gab ihm immer etwas mehr zu futtern und manchmal, wenn ich extrem traurig war, setzte ich mich vor seinen Stall, weinte und klagte ihm mein Leid. Ich erzählte ihm von der bösen Pflegemutter, meiner kleinen Schwester, meiner kranken Mama, die ich so sehr liebte und vermisste und von meinem toten Papa, der mir unendlich fehlte.. Die Pflegemutter muss mitbekommen haben, das ich diesen Hasen liebte, denn eines Nachmittags mussten ihre beiden Sohne K. und A., die etwa 13 - 15 Jahre alt waren, mich festhalten. Sie brüllte ihre Söhne an, das sie dafür sorgen sollten, das ich zu ihr hinschaue. Sie hielten mich an meinen Armen und einer zog an meinen Haaren, damit ich zusah, was die Pflegemutter tat. Sie holte "meinen" Hasen aus dem Stall und zog ihm vor meinen Augen das Fell ab.... Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich wollte weglaufen, aber sie hielten mich fest und ich wollte wegschauen, aber sie rissen so lange an meinen Haaren, bis ich wieder hinsah.... Ich heulte und bekam kaum Luft und ich hasste diese Frau aus dem Tiefsten meiner selbst... Und Kinder können verdammt tief hassen.... Am Abend warf sie meinen Freund in den Ofen und alle fraßen ihn. Ich wollte nichts essen und sie grunzte mich an, das ich dann eben gar nichts zu essen bekäme und selbst dran Schuld sei. Ich aß nichts ! Nachts kniete ich auf der alten Couch, sah aus dem Fenster und weinte... Ich glaub ich tat das stundenlang, denn ich hörte meist erst auf, wenn es hell wurde und ich aus der Küche die Pflegemutter hören konnte. Und ich vermisste meine Mama, betete zum lieben Gott, das er sie doch bitte, bitte gesund machen solle und ich endlich wieder zu ihr könnte..... Aber Gott hatte Urlaub oder war verreist, wie meistens wenn ich ihn so dringend brauchte... Einige Zeit später hatte die Pflegemutter ein Babybett besorgt und wollte die alte Couch wegwerfen. Ich fragte sie, wo ich denn dann schlafen solle und sie meinte, das ich bei einem ihrer beiden Söhne schlafen könne, ich solle mir einen aussuchen. K. und A. fingen an sich darüber zu streiten, wo ich denn schlafen solle. K. mochte ich nicht, er war ein blonder, etwas rundlicher Typ, der viel stärker war als ich und er war es der mich an den Haaren gerissen hatte, als "mein" Hase starb... Also entschied ich, das ich bei A. schlafen wolle. Da verprügelte K. seinen Bruder und der weigerte sich dann aus Angst vor seinem Bruder mich bei sich schlafen zu lassen. Also musste ich bei K. schlafen. Er bestand darauf, das ich innen schlafe und kaum war das Licht aus, drängte er sich an mich und ich rückte immer weiter an die Wand. Aber durch die Wand konnte ich nicht und er zerdrückte mich fast. Dann legte er seine Hand auf mein Bein und ich legte sie immer wieder weg. Als er mich dann auch noch küsste und ich seine nassen Lippen auf meinen spürte, musste ich kotzen. Ich sprang über ihn drüber und rannte ins Bad, wo ich mir die Seele aus dem Leib kotzte. Ich fand ihn so eklig und ich mochte ihn nicht ! Die Nacht verbrachte ich dann auf dem Fußboden, denn ich wäre niemals mehr in dieses Bett gegangen. Außerdem musste ich mich ja auch noch um meine Schwester kümmern, die im Zimmer nebenan schlief und deren Weinen ich gut hören konnte. Irgendwann, als ich aus der Schule kam, war die Pflegemutter anders als sonst. Sie putzte wie verrückt und war total hektisch. Dann rief sie alle Kinder zusammen und verkündete: "Heute kommt das Jugendamt zur Wohnungsbesichtigung. Die dürfen nicht wissen das wir so viele sind und ich werde einige von Euch verstecken ! Wehe, wenn einer von Euch auch nur einen Mucks macht. Ihr werdet erst aus Euren Verstecken kommen, wenn die Frau wieder weg ist und ich sage, das Ihr wieder raus dürft. Ist das klar?" Natürlich war das klar, denn die Hand von ihr saß immer ziemlich locker und wenn jemand nicht parierte, dann gab es Prügel. Ihr eigener Mann hatte ja nichts zu lachen und ich glaubte damals, das er sogar Angst vor ihr hatte. Sie war eine Furie, groß, dick und laut. Er war etwa einen Kopf kleiner und wirkte schmächtig gegen sie. So hab ich sie in Erinnerung. Jedenfalls sperrte sie uns zu viert in einen Kleiderschrank als es an der Wohnungstüre klingelte. Sie betonte noch einmal: "Wenn einer von Euch einen Mucks macht, dreh ich ihm eigenhändig den Hals um!" Mit der Zeit wurde die Luft in diesem Schrank echt dünn und ich fing an zu schwitzen. Ich hab keine Ahnung wie lange sie ihren Kaffeeklatsch abhielten, aber ich war echt froh, als irgendwann die Schranktür aufging und die Pflegemutter sagte, das wir wieder raus durften. Abends gab es immer das gleiche Theater. Ich wollte bei A. schlafen und K. wurde brutal. Irgendwann war er jedoch so beleidigt darüber das ich nicht freiwillig bei ihm schlafen wollte, das er es selbst nicht mehr wollte, was mir nur recht war ! Eines Tages machten sich die Pflegeeltern auf den Weg um einen Großeinkauf zu machen. Wir sollten in der Wohnung bleiben und auf die Kleineren aufpassen, was wir auch taten. Trotzdem waren wir ja selbst noch Kinder und wir fingen an die sturmfreie Bude auszunutzen. Irgendwer schleppte Kissen ins Wohnzimmer und wir begannen mit einer Kissenschlacht. Dabei traf ich versehentlich eine Lampe. Die Pflegeeltern hatten so Kugellampen von der Decke hängen und ich traf eine mit dem Kissen, die wiederum an eine andere knallte und somit zu Bruch ging.... Ich wurde fast hysterisch vor Angst, rannte zur Wohnungstür und wollte weglaufen, egal wohin, nur weg bevor die Pflegemutter wiederkam.... Die Tür war abgeschlossen. Also lief ich zum Telefon, aber sie hatten das Telefonschloss dran und man konnte nicht wählen. Ich hätte eh keinen gewusst, den ich hätte anrufen können.... Die anderen Kinder beruhigten mich und meinten, das wir die Lampe so drehen könnten, damit sie es nicht sehen würden das sie kaputt ist. Niemand wollte mich verraten. Irgendwann kamen die Pflegeeltern wieder und die Pflegemutter schickte ihre gleichaltrige Tochter und mich zum Getränkehändler, denn wir sollten ihr noch eine Kiste Bier holen. Das mussten wir öfters tun und als wir wiederkamen und die Pflegemutter uns die Tür geöffnet hatte, riss sie uns die Bierkiste aus der Hand und fing an auf mich einzuschlagen. Sie brüllte, das ich ein kleiner, dreckiger Bastard sei und das es sie nicht wundern würde, das meine eigene Mama mich nicht haben wolle, weil ich nur Ärger einbrächte und zu nix zu gebrauchen wäre. Sie schlug so lange auf mich ein bis ich am Boden lag und nur noch schützend meine Arme vor meinem Gesicht verschränken konnte. Aber dann trat sie nach mir und sie hätte sicher nicht aufgehört, wenn nicht ihre Söhne sie von mir weggezogen hätten.... Dann schrie sie mich noch an, weil ich ihren guten Teppichboden voller Blut gemacht hatte. Eins, zwei Tage danach rief Manuel an und bevor die Pflegemutter mir den Hörer gab, zischte sie mich an, das ich bloß meine Klappe halten solle und nichts erzählen dürfte. Als Manuel mich jedoch fragte wie es mir ginge, fing ich an zu weinen und erzählte ihm alles auf spanisch. Die Pflegemutter verstand zwar kein Wort, aber sie konnte sich denken, das ich alles erzählte... Er tat ein einziges Mal etwas Gutes für mich, denn er kam noch am gleichen Tag und holte mich da raus. Er brachte mich zu meiner Ur-Oma nach Wiesbaden-Biebrich, denn meine Mutter war noch immer in einer Klinik.

Meine Ur-Oma war die Mutter der Mutter meiner Mutter (was für ein Satz...:-)). Sie war bereits um die 70, aber eine liebenswerte alte Lady. Mein Ur-Opa war schon seit Jahren tot und meine Oma wohnte allein in ihrer 2 Zimmerwohnung. Der Liebling meiner Oma war mein Bruder und niemand von uns Kindern stand annähernd auf seiner Stufe für sie. Ihr Bub war ihr ein und alles und ich wundere mich heute, das sie mich überhaupt genommen hat ? Aber ich will mich auch nicht beklagen, denn sie war gut zu mir. Sie gab mir zu essen, kümmerte sich um mich und gab mir das Gefühl nicht allein auf dieser Welt zu sein. Irgendwann durfte ich wieder Nachhause und ich war noch immer sieben Jahre alt. In meiner Seele war ich jedoch vermutlich schon um die 70 und längst kein Kind mehr....

Auch diesmal ging es recht schnell und Mutter kam wieder in ein Krankenhaus. Wir Kinder mussten wieder weg und diesmal kam ich zu einer Familie nach Eddersheim. Sie hatten noch eine Tochter in meinem Alter und der Vater war ein glatzköpfiger, liebenswerter Mann, der viel mit uns Kindern alberte und eine Menge Spaß verstand. Ich fühlte mich wohl bei der Familie und sie gaben mir niemals das Gefühl nicht dazu zu gehören ! Wenn wir am Abend ins Bett mussten kam oft noch der Pflegevater und kitzelte uns, oder spielte eine Runde Versteck mit seiner Tochter und mir. Sie sprachen nie über meinen dad, meine Mutter oder meine Vergangenheit. Sie quetschten mich nicht aus und bohrten somit nicht in meinen Wunden. Und ich war so unendlich dankbar dafür, das sie mich nahmen wie ich war. Mich in Ruhe ließen ! Heute weiß ich nicht mehr wie lange ich dort lebte....? Aber irgendwann musste ich wieder Nachhause. Manchmal denke ich, das diese Familie das Beste war, das mir damals passiert ist. Und bei ihnen konnte ich mich noch eine Weile ausruhen und Kraft tanken für das was noch alles kam. Und ich hatte diese Kraft dringend nötig.....

Mutter hatte eine neue Wohnung gefunden. Wir hatten nun eine moderne 3 Zimmerwohnung mit einem gigantisch großem Wohnzimmer, in dem Manuel, Mutter und Christina auch schliefen. Christina war inzwischen ein Jahr alt, ich war acht. Mutter war längst tablettensüchtig, ließ sich völlig gehen und sah ziemlich ungepflegt aus. Ich hatte das erste Schuljahr wiederholt, da ich weder meinen Namen schreiben, noch richtig lesen konnte. Zu essen gab es noch immer nur Billigzeugs und Mutter kochte nicht. Wenn überhaupt mal gekocht wurde, dann tat es Manuel. Überhaupt war sie auch damals keine richtige Mutter. Unsere Noten interessierten sie nie, sie unterschrieb kommentarlos einfach alles was man ihr vorlegte. Sie ging auf keinen Elternabend, wir wussten nicht einmal wie eine Zahnbürste aussah..... Ihr war einfach alles egal und dennoch liebte ich sie so sehr....brauchte ich sie so sehr...

Eines Tages war sie mit meinen Geschwistern nicht da. Ich weiß nicht wo sie waren, wie lange sie weg waren und überhaupt... Manuel rief mich ins Bad. Als ich hinkam, sah ich, das er das ganze Bad mit Zeitungspapier ausgelegt hatte. Ich wunderte mich.... doch er sagte, das wir ein Spiel spielen würden.. Ich müsste mich dazu nur auf den Boden legen. Ich tat es, ja ich legte mich auf diesen Scheiß Boden auf das Zeitungspapier.... Ich hatte ja auch keine Ahnung was für ein Spiel er spielen wollte..... Scheisse, ich war acht Jahre alt und ich hatte keine Vorstellung von dem was er tun würde.... Er machte seine Hose auf und legte sich auf mich... Bevor ich kapierte was er tat, machte er auch meine Hose auf und zog sie mir runter.... Er drückte mir seine Zunge in den Mund bis ich fast kotzen musste und bevor ich mich versah schob er seinen Schwanz in mich... Ich drehte meinen Kopf weg und versuchte seinen Kopf mit meinen Händen wegzuschieben... Gleichzeitig spürte ich diesen unbeschreiblichen Schmerz zwischen meinen Beinen.. wollte schreien, doch er hielt mir den Mund zu.. Meine Tränen brannten sich in meine Wangen und was auch immer ich versuchte um mich zu befreien, er war stärker... Er war mir so beschissen überlegen... Und ich war so beschissen hilflos....So voller Schmerz und Angst...Ich könnte nicht sagen wie lange es dauerte....es kam mir unendlich lange vor.... Irgendwann stöhnte er laut und sackte auf mir zusammen... Ich drehte meinen Kopf weg, weinte lautlos und spürte nur diesen unsagbaren Ekel...diese Wut und zwischen meinen Beinen brannte es wie Feuer... Als er endlich von mir runterging und ich aufstehen wollte, musste ich mich am Waschbecken festhalten, denn meine Beine zitterten wie Espenlaub und Blut lief an ihnen runter.. Das Zeitungspapier war auch voller Blut und meine Unterhose die noch an einem meiner Knöchel hing war ebenfalls voll damit. Ich schrie dieses Tier an, das ich es meiner Mama sagen würde, das er mir wehgetan hat und das ich blutete... Da drehte er sich wortlos zu mir um, schubste mich mit dem Rücken an die Wand, drückte mich mit einer Hand an meinem Hals gegen die Wand und schob mich langsam an ihr nach oben... Ich konnte kaum atmen, meine Beine baumelten in der Luft und ich dachte ich müsse sterben... Er sah mich an und flüsterte: "Wenn du auch nur ein Wort sagst mach ich dich kaputt ! Wenn du etwas verraten tust, bringt sie dich in ein Kinderheim das ganz weit weg ist, mit Gittern vor den Fenstern und sie wird dich niemals dort besuchen !" Dann ließ er meinen Hals los und ich fiel auf den Boden.... Er ging aus dem Bad und sagte nur noch, das ich mir das Blut von den Beinen waschen solle und mir eine neue Unterhose anziehen müsse. Ich stand mit wackligen Beinen am Waschbecken, wusch mich und fühlte mich wie ein Roboter. Ich war tot.... und ich ekelte mich so unsagbar vor mir selbst, vor dem Blut....dem Geruch der an meinem ganzen Körper zu sein schien...seinem Geruch... Dann ging ich in mein Zimmer und zog eine neue Unterhose an. Als ich noch einmal ins Bad ging, weil ich meine Hände waschen wollte, roch es nach Feuer.. Das Zeitungspapier war weg und es war auch nirgendwo mehr Blut zu sehen. Dann sah ich, das im Klo das Papier vor sich hinbrannte und auch meine blutige Unterhose hatte er ins Klo geschmissen und angezündet... Ich ging wieder in mein Zimmer, setzte mich aufs Bett und zog meine Bettdecke bis zum Kinn... Mir war kalt, unbeschreiblich kalt und ich fühlte mich so tot...Irgendwann kamen meine Mutter und meine Geschwister wieder. Nein, ich erzählte ihr nichts, aber ich war auch nicht mehr wie zuvor. Nichts war mehr wie früher... Tagelang tat es weh wenn ich Pinkeln musste und ich wich Manuel aus wo ich nur konnte... Ich sprach nicht mit ihm, ich glaube ich sprach überhaupt nur das Nötigste. Niemand merkte etwas...

Das Leben ging weiter und manchmal fragte ich mich ernsthaft, wie es möglich war ? Wie konnte alles einfach weitergehen nachdem was passiert war ? Warum spürte niemand meinen Schmerz ? Wieso merkte Mutter nichts ? Einmal war ich mit meinem Bruder unterwegs.. Wir standen vor dem Penny Markt und sollten irgendetwas kaufen. Als wir drin waren und so zwischen den Regalen nach den Sachen suchten die wir holen sollten, sah ich diese "Weberli Kuchen". Es gibt sie heute noch, aber sie heißen glaub ich nicht mehr so. Ich sagte zu M. das ich so einen Hunger hätte das mein Bauch schon wehtäte. Ich sah auf diese Kuchen und erklärte ihm, das ich überlegen würde einen von den Dingern zu klauen. Er sagte, das ich es doch machen soll, wenn ich so einen Hunger hätte. Ich dachte nicht lange nach, nahm einen aus dem Regal und hielt ihn unter meinen Pulli. (Wie unauffällig...) Dann marschierte ich mit laut pochendem Herzen aus dem Supermarkt und ging um die Ecke. Dort riss ich das Papier auf, aber bevor ich auch nur in den Kuchen beißen konnte, packte mich eine Verkäuferin die mir gefolgt sein musste am Arm und brüllte mich an: "Hab ich dich, du kleine Diebin ! Wir beide gehen jetzt gleich mal zum Marktleiter und zeigen ihm was du geklaut hast !"Dann zerrte sie mich hinter sich her ins Büro des Marktleiters. Der erklärte mir dann, das man nicht klauen dürfe und das ich nun Hausverbot hätte und er die Polizei anrufen würde. Ich solle Nachhause gehen und meinen Eltern sagen das die Polizei heute noch zu uns käme. Er schrieb sich meine Adresse auf und ich durfte gehen. Als wir Nachhause kamen sagte ich es meiner Mutter. Ich weinte und entschuldigte mich, denn ich schämte mich dafür das ich geklaut hatte. Sie schüttelte nur den Kopf und rief nach Manuel, dem sie es natürlich gleich berichtete, das die Polizei zu uns käme. Er prügelte mich durch die ganze Wohnung und brüllte, das ich genauso ein kriminelles Stück Scheisse sei wie mein Vater. Ich sei ein verkommenes, asoziales Heimkind und nun käme auch noch die Polizei zu uns und alle müssten sich wegen mir schämen... Ich sei eine Schande für die ganze Familie... Ich saß den ganzen Tag am Fenster meines Zimmers und wartete darauf das die Polizei käme.... Sie kam aber nicht... Dafür konnte ich tagelang kaum sitzen, weil mir mein Rücken und mein Hintern von den Schlägen und Tritten so wehtaten....

Mutter musste irgendwann wieder in eine Klinik. Zumindest denke ich das, denn sie erklärte uns nie, wieso sie uns wieder weg gab und sie sagte auch nie für wie lange wir woanders leben müssten. Sie lebte in ihrer eigenen Welt.... Ich kann mich nicht daran erinnern, das sie mich je in den Arm genommen hätte.... Mir gesagt hätte das sie mich liebt als ich klein war.... Mir mal eine Geschichte vorgelesen hätte, mit mir gebastelt hätte, oder irgend so etwas was alle Mütter mit ihren Kindern tun.... Aber ich liebte diese Frau... Mit all ihren Schwächen und Macken ! Sie war meine Mama und sie war so hilflos und schwach. Manuel schlug manchmal auch sie und ihre Prügel taten mir mehr weh als die, die ich einstecken musste. Ich erinnere mich daran, das ich sie tröstete, wenn er sie geschlagen hatte. Ich lief ins Bad und holte einen kalten Waschlappen, wenn sie mal wieder ein Veilchen hatte. Und ich weiß auch, das ich mal zu ihr sagte, das ich ihn totmachen würde, wenn ich groß wäre, weil er meiner Mama wehgetan hat.... Ich weiß nicht, wie viele Bilder ich ihr malte, wie viele Gedichte ich ihr geschrieben hab als ich Kind war ? Ich weiß nur, das ich alles getan hätte, nur um sie zu beschützen ! Alles, nur damit es ihr gut geht.... Und meine Liebe war verdammt einseitig, wie mir heute schmerzlich bewusst ist...

Ich kam wieder zu einer neuen Familie. Sie hatten zwei Söhne, die älter waren als ich. Es war kalt bei den Leuten... Ich meine nicht die Temperatur in deren Haus, ich meine die Familie selbst. Ich fühlte mich kalt und es gab nichts herzliches, wie bei der letzten Familie bei der ich war. Ich war fast 9 Jahre alt und ich sprach nicht viel. Ich saß die meiste Zeit vor dem Fernseher wenn ich nicht in der Schule war. Freunde hatte ich keine, denn ich hatte ja zu oft die Schule gewechselt und ich ließ keine Kinder an mich ran. Ich glaubte, das man nur genau auf mich sehen müsste, um all den Dreck zu erkennen. Ich war überzeugt, das man mir ansah was passiert ist und deswegen waren mir Blicke immer sehr unangenehm... Ich will nicht behaupten, das es mir bei den Leuten schlecht gegangen wäre. Das ist es nicht ! Sie schlugen mich nicht, sie gaben mir zu essen und ein Bett und ließen mich in Ruhe.

Irgendwann durfte ich wieder Nachhause und wir hatten eine neue Wohnung in dem Ort, wo auch mein Vater sich umgebracht hatte. Wir wohnten sogar in der gleichen Strasse, wo noch immer die Ruine unseres Hauses stand. Wenn ich zur Schule ging lief ich immer an der Ruine vorbei und wenn ich auf dem Heimweg mal dringend aufs Klo musste, ging ich auf unser altes Klo, das noch immer dort stand als wäre nie etwas passiert... Die Kinder in der Schule sprachen nicht mehr so viel von meinem Vater. Sie ließen mich in Ruhe und ich ließ sie in Ruhe. Dann lernte ich Elke näher kennen. Wir wurden richtig gute Freundinnen und ich mochte sie, denn sie war nett und nicht so laut wie die meisten anderen Kinder. Sie stellte niemals Fragen und wir lachten zusammen und machten Blödsinn. Damals bekamen wir diese Geometriekästen von der Schule. Da waren diese kleinen Plastikkreise, Dreiecke und Rechtecke drin. Wir fanden schnell heraus, das die Kreise so groß waren wie Zehn Pfennig Stücke. Also probierten wir auf dem Nachhauseweg mal aus, ob sie in einen Kaugummiautomaten passten. Sie passten und am nächsten Tag klauten wir in der Schule aus unzähligen Kästen diese Kreise und plünderten damit sämtliche Kaugummiautomaten unserer Gegend.. Ein andermal pflückten wir Obst von einigen Bäumen. Wir aßen es und am Abend war mir unendlich übel. Ich kotzte und meinen Bauch zerriss es förmlich... Mutter rief den Doktor an und der diagnostizierte das ich gespritztes Obst gegessen und nun eben Übelkeit und Erbrechen hätte...

Ich teilte mir mit meiner Schwester S. ein Zimmer. . M. hatte auch ein eigenes Zimmer und Christina schlief mit Mutter und Manuel in einem Zimmer. Dann hatten wir noch eine Küche, ein Esszimmer, ein Wohnzimmer, ein Bad und eine Toilette. Eine Terrasse hatten wir auch und einen Garten. Ich vermied es immer mit Manuel allein in einem Raum zu sein, aber als wir dort wohnten, sollte ich mit ihm den Keller aufräumen. Also ging ich mit ihm runter und er ging mit mir in diesen Kellerverschlag, der von außen einsehbar war. Ich dachte noch, das er mir hier nichts tun würde, denn es könnte ja jemand in den Keller kommen und sehen was er tat... Aber das schien ihn nicht zu interessieren... Kaum waren wir in dem Keller schnauzte er mich an, das ich meine Hose ausziehen solle. Ich fing an zu weinen und bettelte, das ich lieber wieder nach oben gehen würde und er mich doch bitte in Ruhe lassen  und mir nicht mehr wehtun soll. Er packte mich an meinen Armen und fragte, ob er mir erst eine reinhauen müsse, oder ob ich endlich freiwillig meine Hose ausziehen würde... Ich riss mich los und wollte wegrennen, aber er war schneller... Er schlug mir so hart ins Gesicht das ich auf den Boden knallte und als er meine Hose runterziehen wollte und ich nach ihm trat, trat er mir so in den Bauch, das ich mich vor Schmerz nicht mehr bewegen konnte... Er zog meine Hose runter und tat was ich nicht mehr verhindern konnte.... Ich ertrug seinen Atem nicht....den Geruch seines ekelhaften Haarwassers...seine Hände auf meinem Körper und sein Ding in mir... Ich wollte sterben ! Jetzt sofort ! Einfach aufhören zu atmen....Ich hielt die Luft an, aber es funktionierte nicht lange. Irgendwann hab ich automatisch wieder nach Luft gerungen und ich dachte an meine Mama. Mama, die da oben in der Wohnung saß und keine Ahnung von dem hatte was sich hier zutrug. Mama, die ich so sehr liebte und brauchte und die nicht einmal etwas dafür tun musste außer zu leben. Ich dachte an meine Geschwister. Ich glaubte, wenn ich das hier alles ertrage, dann werden sie verschont ! Dann passiert ihnen nicht das gleiche... Als er fertig war zischte er mich an, das ich mich anziehen soll und mir nichts anmerken lassen darf. Ich sollte erst einmal spielen gehen und später Nachhause kommen... Ich ging zum Main, der nur etwa 50 Meter von unserer Wohnung entfernt floss. Ich setzte mich auf einen dicken Stein am Ufer und blickte auf das Wasser... Ich saß eine halbe Ewigkeit dort und weinte... Meine Tränen schienen alles gewesen zu sein, was er mir gelassen hatte....

Manuel hatte mal eine Arbeit. Mutter war vollauf mit ihrer Tablettensucht beschäftigt. Sie lag tagelang nackt im Bett, der Rolladen durfte nicht hochgezogen werden und wir Kinder mussten Streichhölzer ziehen und wer das Kürzeste zog musste von der Schule Zuhause bleiben und auf Christina aufpassen, einkaufen und aufräumen. Mister Schicksal ließ meist mich das Kürzeste ziehen, oder S. und M. haben geschummelt, ich weiß es nicht.... Also ging ich einkaufen, kümmerte mich um Christina, putzte und räumte auf. Mutter lag im Bett und rief nur ab und zu nach Zigaretten, Wasser, ihrer Pillendose, oder rief, das wir leiser sein sollen..... Es war nicht einfach meine zweijährige Schwester ruhig zu halten.... Sie wollte ewig spielen und ich musste ja aufräumen und den Pudding für das Mittagessen anrühren. Zu trinken gab es immer Essigwasser mit Zucker. Essig kostete damals nur ein paar Pfennig und ich musste ihn palettenweise kaufen. Dann mixten wir uns unsere "Limo": Zwei Drittel Leitungswasser, ein Drittel Essig und dazu dann Zucker. Christina bekam Milch, aber nur sie, denn sonst wäre es zu teuer geworden. Als Christina mal weinte, weil ich nicht mit ihr spielen wollte, kam Mutter nach einer Weile ins Wohnzimmer gestürzt, winkte hysterisch mit ihrer Pillendose und schrie mich an: "Sieh zu das sie aufhört zu schreien, ich ertrag das nicht ! Wenn sie nicht aufhört schlucke ich alle Pillen und Ihr seid Schuld an meinem Tod !" Ich nahm Christina auf den Arm und tröstete sie, während ich zu Mama sagte, das sie sich bitte nicht umbringen soll, denn wir würden sie doch brauchen und außerdem hätten wir sie doch lieb. Sie ging wieder in ihr Bett und ich spielte mit Christina, die ich darum beneidete, das sie noch nicht so viel verstand.... Manuel war zu allen brutal ! Wenn Christina weinte, schleuderte er sie durchs Zimmer und sie knallte in ihrem Bett auf.... M. rannte er mit einer Axt nach und wollte ihn damit erschlagen und als S. ihn nicht Vater nennen wollte, weil sie ihn hasste, verprügelte er auch sie... Eines Nachts gab es ein echt heftiges Gewitter und wir Kinder hatten alle Angst wegen den überdimensionalen Donnerschlägen. Mutter sagte, wir sollen alle unsere Bettsachen nehmen und zu ihr ins Schlafzimmer kommen, wo wir uns vor dem Ehebett auf dem Teppich hinlegen könnten. S. und M. waren schneller als ich, denn als ich kam, lag S. neben Mama auf dem Boden und M. am Fußende des Bettes auf dem Boden. Für mich blieb nur noch Manuels Seite übrig. Ich überlegte kurz, aber dann dachte ich, das er mir hier nichts tun könne, denn es waren ja alle im Zimmer.. Außerdem war das Gewitter so heftig, das ich Angst hatte allein zu sein. Also legte ich mich neben seine Bettseite auf den Boden und deckte mich bis zum Hals zu. Es dauerte nicht lange und ich spürte, wie seine Hand über meine Bettdecke strich... unter die Bettdecke kam. Ich schubste sie weg, aber sie kam immer wieder. Er zerrte unter der Bettdecke an meinem Schlafanzug und schob seine Hand in meine Schlafanzughose.. Da sprang ich auf, nahm mein Bettzeug und verließ das Zimmer. Mutter fragte nicht wieso ich weggehe, sie kam mir auch nicht nach. Ich saß in dieser Nacht in meinem Bett, heulte mir die Augen aus dem Kopf, lauschte dem Gewitter und hatte furchtbare Angst.. Wut....Und ich hab mich in meinem ganzen Leben nicht einsamer gefühlt wie in dieser Nacht...

Seine Kellergänge wiederholten sich auch immer wieder und ich musste ihm oft beim "Aufräumen" helfen. Kein Keller der Welt könnte je so unordentlich sein, das man ihn mehrmals wöchentlich ausmisten und aufräumen müsste.... Manchmal saß er da unten heulend vor mir und erzählte, das meine Mama keinen Sex mit ihm wolle, weil sie krank sei. Deswegen müsste ich das jetzt für sie tun bis sie wieder gesund wäre. Wenn ich es nicht täte, würde er uns verlassen und dann würde sie mich deswegen hassen, weil ich Schuld wäre.... Er erzählte, das sie sein Ding nicht in den Mund nehmen wolle... Das sie ihn nie küssen würde.... Das war mir alles so scheißegal ! Ich antwortete ihm, das ich das trotzdem nicht wolle und ich das alles eklig fände... Er beteuerte, das er mich doch gern hätte und das ich, wenn ich mal groß wäre, das alles gerne täte und ihm mal dankbar sein würde.... Auch der Mann den ich mal hätte würde ihm dankbar sein, weil er mir das alles schon gelernt hätte und mein Mann mir dann nichts mehr erklären müsee... Wenn er begriff das sein Gelaber mich in keinster Weise überzeugte, schlug er 2, 3 Mal zu und nahm sich was er wollte... Im Grunde hat er sich an einer Kinderleiche vergangen, denn etwas anderes war ich längst nicht mehr... Ich konnte nichts mehr spüren.... keinen Schmerz....nichts.... Ich hatte gelernt mich abzuspalten. Ich verließ meinen Körper sobald dieses Monster mir auch nur näher als einen Meter kam.... Es gab Tage an denen ich nicht wusste woher ich diese blauen Flecke hatte, oder wieso mir mein Rücken so wehtat, mein Kopf oder was auch immer....  Ich war eine Marionette, die nur noch funktionierte. Wenn es hieß: "Räum auf ," dann tat ich es. Wenn ich einkaufen sollte nahm ich den Einkaufszettel und tat es.... Sollte ich putzen, machte ich es... Wenn ich mal in der Schule war saß ich dort nur rum. Ich hörte kaum zu, denn ich verstand sowieso nichts von dem was der Lehrer erzählte... Ich träumte mich in meine Traumwelt... In ihr gab es keine Gewalt. Ich wurde nicht verletzt...musste keine Schmerzen ertragen...mir keine Sorgen um meine Mama machen...meine Geschwister.... Ich fühlte keinen Ekel, keinen Hass....ich fühlte mich nicht so beschissen dreckig und benutzt.... Ich war in dieser Welt ein ganz normales Kind. Tina die lachen konnte... spielen und keine Sorgen hatte.... Und das Gute war, niemand konnte mich aus dieser Welt vertreiben ! Sie war in meinem Kopf, in mir selbst und niemand konnte sie mir nehmen... Wann auch immer ich sie brauchte, sie war da ! Ohne das ich etwas dafür tun musste, ohne das ich auch nur darum bitten  musste.... Sie gewährte mir Einlass ohne wenn und aber....

Kein Schwein fragte nach, wieso ich mehr als 100 Tage in einem Schuljahr fehlte. Niemanden kümmerte es das ich - wenn ich mal ne Arbeit mitschrieb -  nur Sechsen kassierte. Keiner fragte wieso ein Kind von 9 Jahren nicht einmal seinen Namen ohne Fehler schreiben konnte... Und keiner fragte wieso ich in den allerletzten, oft verdreckten Klamotten rumlief... Ob mich überhaupt jemand wahrnahm? Ja, Elke, meine Freundin ! Sie fragte aber auch nie etwas und wenn wir uns mal wieder trafen, dann war es so, als hätte es diese Auszeiten nie gegeben, als sei ich nie weg gewesen. Wir trafen uns jedoch nur in der Schule, oder auf der Strasse. Irgendwann fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte mal mit zu ihr Nachhause zu kommen ? Sie hätte tolle Puppen und wir könnten spielen. Ich sagte ja und dachte mir auch nichts dabei. Als wir vor ihrem Hoftor standen und ihre Mama öffnete, sah sie mich von oben bis unten an und fragte ihre Tochter: "Wer ist denn das Mädchen?" Elke lächelte und sagte: "Das ist meine Freundin Tina W.!" Da zog ihre Mama sie in den Hof, sagte: "Heimkinder kommen mir nicht ins Haus ," und schmiss das Tor vor meiner Nase zu... Ich weiß nicht wie lange ich da stand bis ich realisiert hatte was da gerade passiert war.... Ich war verletzt... Es tat weh das diese Frau mich nicht mochte, obwohl ich nichts getan hatte. Sie kannte mich nicht einmal.... Ich rannte an meine Lieblingsstelle an den Main und weinte mal wieder... Irgendwie befreiten mich die Tränen und dort konnte ich schreien wie ich wollte. Es hörte mich niemand.... Ich konnte meine Wut rausbrüllen, ohne das mich jemand fragen konnte was los sei... Ich war allein.... Eigentlich war ich das immer ! Aber es war okay, denn ich hatte zwar keinen Menschen mit dem ich meinen Schmerz teilen konnte, aber ich hatte meine Traumwelt.... Sie war mit mir und ich besuchte sie in dieser Zeit verdammt oft....

Zuhause eskalierte alles irgendwie. Die Polizei kam zu uns, denn M. hatte Autos geknackt und Mercedes-Sterne von den Wagen gerissen.. Manuel pinkelte in Gläser und stellte sie bei M. in den Kleiderschrank, um dann zu behaupten, M. sei es gewesen. Auch pinkelte er unter den Teppichboden in M.´s Zimmer und nach ein paar Tagen stank es wie Tier. Er brüllte rum, das M. es gewesen sei und bestand darauf, das er auszog... M. war 13 und sie warfen ihn raus. Er zog auf unser altes Grundstück, wo die Reste unseres Hauses standen. Dort stand auch noch unsere alte Waschküche, ein winziges Haus mit einem Raum. Er durfte das Klo unseres Opas benutzen, der nebenan sein Haus hatte. Manuel verbot uns M. Essen zu geben und er durfte nicht mehr zu uns in die Wohnung. Einmal kam er und brachte eine Tüte mit Dreckwäsche, die Mutter für ihn waschen wollte, aber als er gerade gegangen war bekam Manuel mit das er Wäsche gebracht hatte und er warf ihm seine dreckige Wäsche vom Fenster aus wieder hinterher... Ich ging heulend in mein Zimmer, denn ich liebte meinen Bruder und er tat mir so leid.... Manchmal klaute ich Brot bei uns und brachte es ihm heimlich. Dann saßen wir in seinem neuen Zuhause, er rauchte und wir hörten Musik und wir redeten. Manuel durfte es nicht wissen, denn wenn er mal mitbekam das ich meinen Bruder besuchte, verprügelte er mich.... Ich beneidete M., denn auch ich wäre so gerne Zuhause weg gewesen!

Ich schlief noch immer mit S. in einem Zimmer. Wir hatten ein französisches Bett das wir uns teilten. Ein paar Tage nach M.´s Auszug sagte Manuel, das ich nun das Zimmer von M. beziehen solle.... Ich wollte nicht, denn bei S. fühlte ich mich Nachts sicher... Mutter kaufte ein komplettes Jugendzimmer und sagte, das ich nun groß genug sei ein eigenes Zimmer zu haben und das sie nun extra die neuen Möbel für mich gekauft hätte.... Ich mochte das Zimmer nicht. Alles darin war so fremd und nichts erinnerte mehr an meinen Bruder. Doch dann sah ich den Zimmerschlüssel im Türschloss stecken... Ich nahm ihn und versteckte ihn täglich in einem neuen Versteck. Nachts schloss ich mich ein und wenn Manuel klopfte und flüsterte, das ich aufmachen solle, blieb ich liegen und zog mir die Decke über den Kopf. Ich schlief nicht mehr und ging mit Klamotten ins Bett. Ich hatte Angst das er irgendwie reinkommen könnte.... Er drohte jede Nacht an der Tür, das wenn ich nicht öffnen würde er mich am nächsten Tag grün und blau schlagen, aber das war mir egal... Und wenn er es dann aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen auch immer wieder tat, wussten nur er und ich weshalb er wirklich auf mich einprügelte... Ich bin selbst erstaunt darüber wie viel Schmerz ein Kinderkörper ertragen kann und was er alles aushalten kann... Er schlug immer zu als stünde er mit Axel Schulz im Ring. Es gab Tage da spürte ich keine Gliedmaßen mehr... Alles war grün und blau und manchmal tat es auch weh wenn ich husten, oder atmen musste... Mein Hass ließ mich das alles ertragen...überleben... Eines Morgens als Mutter, er und ich am Tisch saßen, sagte er zu meiner Mutter: "Sag deiner Tochter das sie mir den Zimmerschlüssel geben soll ! Sie schließt sich Nachts ein und wenn hier mal ein Feuer ausbricht und sie fest schläft, wird sie verbrennen wie ihr Vater!" Sie sah mich an und meinte: "Du sollst Manuel den Schlüssel geben ! Mach es, bevor es wieder Ärger gibt und er den ganzen Tag schlecht gelaunt ist !" Ich antwortete: "Ich hab keinen Schlüssel und ich weiß auch nicht von welchem Schlüssel hier geredet wird !" Er sprang auf und warf den Küchentisch um. Dann rannte er aus dem Esszimmer und brüllte, er würde den verfluchten Schlüssel schon finden... Ich hörte wie er in meinem Zimmer Dinge umwarf...tobte und brüllte.. Mutter schrie mich an, das ich immer nur Ärger machen würde und es ewig das gleiche mit mir sei... Dann suchte er im Flur... Er fand den Schlüssel in der Blumenvase und ich wusste, das ich nun verloren war.... Triumphierend kam er mit dem Schlüssel in der Hand ins Esszimmer, sah mich an und fragte: "Weißt du jetzt von was für einem Schlüssel hier geredet wird?" Den ganzen Tag lächelte er mich vielsagend an und mein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken, das dieser Scheißtag irgendwann zu Ende gehen würde und alle ins Bett gehen würden...

Stunden ziehen sich wie Tage dahin, wenn man weiß was geschehen wird... Und ich wusste es genau ! Allein der Gedanke daran das nichts und niemand diesen Drecksack daran hindern würde heute Nacht in mein Zimmer zu kommen und über mich herzufallen, nahm mir die Luft... Ich überlegte den ganzen Tag, was ich tun konnte.... Wie ich ihm entkommen konnte.. Ich entwickelte eine Art "Überlebensplan" - zumindest war es das an diesem Tag für mich - denn ich wartete am Abend bis ich Mutter schnarchen hören konnte. Dann nahm ich mein Bettzeug und schlich zu meiner Schwester S. ins Zimmer.. Ich weckte sie und fragte, ob ich heute mal bei ihr schlafen dürfte. Sie fragte halb schlafend: "Wieso denn ?" Ich antwortete nur: "Ich hab so Angst das dieses Arschloch in mein Zimmer kommt !" Und sie sagte: "Du kannst hier schlafen!" In dieser Nacht dachte ich nicht darüber nach, wieso sie keine weiteren Fragen stellte..... warum ich nicht fragte weshalb sie mich verstand ? Sie wusste damals genau vor was ich Angst hatte, denn er missbrauchte auch sie, nur sprach sie es nicht aus und ich fragte nie danach... Ich schlief trotzdem nicht und hätte einen Floh husten hören.... Irgendwann hörte ich auch, wie die Tür leise geöffnet wurde... Ich schubste S. und flüsterte: "Er ist hier, er ist hier ! Mach das Licht schnell an !" Sie knipste ihre Nachttischlampe an und dieses Tier stand mit einem Ständer in der Unterhose vor meiner Bettseite..... Ich bekam kaum noch Luft und er war erschrocken über da Licht und weil wir wohl Beide wach waren.... Er drehte sich abrupt um, nuschelte was wie: "Ich wollte mir nur ein Taschentuch aus dem Schrank holen," ging an den Schrank, nahm sich ein Taschentuch und verließ das Zimmer. Am nächsten Morgen bekam ich Ärger, denn er regte sich bei Mutter darüber auf, das ich nun so ein geniales Zimmer besäße und Nachts bei meiner Schwester schliefe..... Mutter fragte nicht, weshalb er wusste das ich nicht in meinem Bett schlief, sie maulte mich nur an, das es wegen mir immer wieder Ärger gäbe und ich mich nicht benehmen könnte.... Wenn ich noch einmal bei S. schlafen würde und es deswegen Knatsch gäbe, würde sie all ihre Tabletten nehmen und allem ein Ende setzen und ich sei daran Schuld..... Als ich am Abend dann glaubte, ich käme mit der gleichen Masche noch einmal davon, war er schneller... Ich schlich gerade mit meinem Bettzeug aus meinem Zimmer, als er mich am Arm packte, meinen Mund zuhielt und mich wieder in mein Zimmer drängte... Es gab kein Entkommen mehr..

Scheinbar war ihm mein Zimmer jedoch zu gefährlich, denn es lag zu nah am Schlafzimmer meiner Mutter... Also zerrte er mich Nachts aus dem Bett und schleppte mich immer ins Wohnzimmer..... Er hob mich auf ein ledernes Sitzkissen, weil ich zu klein war.... Einmal stand ich heulend auf diesem Teil und er befummelte mich unter meinem Nachthemd, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und das Licht anging... Mutter stand im Raum und er zog schnell seine Hände unter meinem Nachthemd raus... Sie hatte es gesehen, denn sie fragte: "Hat er dich gerade befummelt?" Ich stand da, konnte kaum atmen und heulte... Er antwortete für mich und sagte: "Ulla, du nimmst zu viele Tabletten und siehst Gespenster ! Geh wieder in dein Bett und schlaf !" Sie nickte, drehte sich um und ging wieder in ihr Bett.... Es war 2:00h oder 3:00h und sie ließ mich mit diesem Schwein allein im Wohnzimmer... Sie ging einfach wieder in ihr Bett und fragte nichts weiter.... Sie wusste es ! Sie musste es wissen....! Er machte weiter, als wäre nichts gewesen....

Ich wurde älter und ich fing immer mehr an mich körperlich zu wehren... Er wurde brutaler und seine Drohungen wurden heftiger. Als ich 10 war mussten wir wieder in ein Heim. Das Jugendamt fand auf die Schnelle kein geeignetes Heim für uns drei Schwestern und so brachten sie uns erst einmal in ein Säuglingsheim nach Königstein. Dort sollten wir bleiben, bis sie ein besseres Heim gefunden hatten. Ich war 10, S. war 12 und Christina war 3. Es waren nur kleine Kinder bis drei Jahre und Säuglinge in dem Heim. Die Erzieherinnen hatten eine Menge zu tun ! Ich besuchte eine öffentliche Grundschule, aber ich war keine große Leuchte. Ich hatte zu viel versäumt und den Anschluss verpasst. Meine Lehrer glaubten ich sei ein Legastheniker und dachten bei mir sei Hopfen und Malz verloren. Schule war damals nichts wichtiges für mich und ich hatte andere Dinge zu lernen um zu überleben. Oftmals wünschte ich mir aber so sehr, das ich genauso dumm gewesen wäre, wie sie mich zu halten schienen. Ich hatte Null Selbstwertgefühl, traute mir nichts zu und wenn ich etwas anfing warf ich es bald wieder hin, weil ich mir einredete, das ich es sowieso nicht schaffen könnte. Wenn man immer und immer wieder hört, das man keine Lebensberechtigung hätte und nur Dreck wäre, der es nie zu etwas bringen würde, dann glaubt man es irgendwann.. Dann verinnerlicht man es ! Ich hatte damals nie Erfolgserlebnisse, ich kannte Dinge wie Lob nicht, da gab es niemanden der mir mal sagte, das ich etwas erreichen könnte. Mit zehn Jahren wusste ich nichts über "richtige" Familien, wie man sich beim Essen benimmt, das man sich die Zähne putzt, sich wäscht, wie man miteinander umzugehen hat... Ich war so was wie der "Freitag" von Robinson Crusoe... Ich hatte nichts gelernt bekommen und alles was ich konnte war schweigen, ertragen und irgendwie durchhalten... Für Kinder so wichtige Dinge wie Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Schutz etc. hätte ich nicht einmal definieren können. Geborgenheit fand ich in meiner Traumwelt. Sicherheit empfand ich, wenn ich allein am Main war und wusste, das mir niemand etwas tun würde. Schutz gab es nicht, es sei denn ich hab mich selbst irgendwie beschützen können, was mir nicht immer gelang. Vertrauen war etwas unvorstellbares für mich. Wem hätte ich auch vertrauen sollen ? Ich hab mir nicht mal selbst vertraut....

Die Leiterin des Säuglingsheims war eine sehr nette Frau und sie hatte einen  Sohn der so alt war wie ich selbst. Er hieß Götz und er war ganz anders als z. B. die Brüder K. und A. aus dieser ätzenden Pflegefamilie. Wir spielten viel zusammen, lachten und es gab Zeiten, wo ich all den Müll vergessen konnte. In denen ich mich fühlte wie ein Mensch mit ein klein wenig wert. Irgendwie schlug mein Herz schneller, wenn ich mit ihm zusammen war. Er behandelte mich wie ein ganz normales Mädchen, stellte keine blöden Fragen und quatschte nicht dumm herum weil ich dort im Heim war. Eines Nachmittags waren wir auf dem Spielplatz vor dem Haus und wir spielten Versteck mit S. . Sie musste suchen und wir versteckten uns in einem kleinen Holzhaus, machten die Tür zu und die Klappfenster und es war stockdunkel. Wir hörten S. draußen nach uns suchen und er nahm schüchtern meine Hand und flüsterte: "Weißt du was Tina, ich mag dich total gerne!" Dann drückte er mir ein mindestens genauso schüchternes Küsschen auf den Mund und in dem Moment riss S. die Tür des Holzhauses auf... Ich glaub wir waren Beide rot wie Tomaten...Aber ich hatte das Gefühl, das es etwas sauberes war, denn da war keine Spur von Dreck, oder Ekel. Ich denke, es war für mich zum ersten Mal ein ganz normales Erlebnis, so wie es viele zehnjährige haben und bei denen sich niemand etwas Schlechtes denkt.

Nachdem wir etwa 4 Wochen in diesem Säuglingsheim waren, kam das Jugendamt. Sie holten S. und mich ab, denn sie hatten ein Kinderheim in Hofheim gefunden. Leider waren erst einmal nur zwei Plätze frei, aber in einigen Wochen sollte ein weiterer frei werden und Christina sollte nachkommen. Ich werd nie vergessen, wie sie mit ihrem Lockenkopf an diesem großen Fenster stand, fürchterlich weinte und uns nachwinkte, als sie uns abholten... Wir saßen in dem Auto und heulten nicht weniger... Das neue Heim sollte für die nächsten fünf Jahre mein Zuhause werden, aber das war mir damals nicht bewusst. Das Heim war von Nonnen geleitet und es gab auch ganz "normale" Erzieherinnen. Jedes Kind hatte ein eigenes Zimmer, mit Waschbecken, Schreibtisch, Schrank und Bett. Es gab nur ein Dreierzimmer, aber dort schliefen die Kleinsten. Die Kinder waren zwischen zwei und 17 Jahren. Es gab auch nur 3, oder 4 Jungs dort und die waren alle weit unter 10. Am ersten Tag gleich traf ich zwei alte Bekannte dort wieder. Claudia und Kerstin, die mal mit uns in einem Haus gewohnt hatten.... Die Welt ist schon verdammt klein. Wir mussten nur noch alle zwei Wochen über das Wochenende Nachhause und in den Schulferien. Die Nonnen waren streng und vieles war etwas unlogisch, aber wir hatten einen Ort den wir unser "Zuhause" nennen konnten. Wir waren nicht allein, bekamen zu essen, hatten ein eigenes Zimmer, bekamen so etwas wie Erziehung, ärztliche Versorgung und Aufsicht. Da dieses Heim katholisch war, wurde ich mit 10 erst einmal zur Kommunion angemeldet. Ich besuchte die öffentliche Grundschule und meine Noten waren noch immer unter aller Sau.. Die Erziehungsleiterin, eine sehr strenge Nonne, wollte sich nicht damit abfinden, das ich ein Legastheniker sein sollte und erkannte scheinbar mein geistiges, brach liegendes Potential. Nach der Schule musste ich ihr täglich eine halbe Stunde vorlesen und eine halbe Stunde Diktate schreiben. Sie war der erste Mensch der mich lobte... der mir das unsagbar gute Gefühl gab, das ich etwas leisten konnte, etwas erreichen ! Ihr Lob spornte mich an und ich war begeistert als ich erkannte, wie viel ich lernen konnte. Es dauerte keine drei Monate und ich konnte fließend lesen. Meine Deutsch - Zeugnisnote sprang in einem Halbjahr von 5 auf 2.  Sie schenkte mir "Das Tagebuch der Anne Frank" als sie sah, wie schnell ich begriff und sie freute sich mit mir. Das Buch las ich in zwei Tagen und ich wollte mehr lesen. Ich meldete mich in der Stadtbücherei an und fing an Bücher förmlich zu "inhalieren". "Der kleine Prinz", die Gebrüder Grimm, alles was ich an Lektüren zwischen die Finger bekam saugte ich förmlich in mich auf. Aber zu dieser neuen Euphorie kam auch, das ich mehr begriff als mir lieb und recht war. An meinem elften Geburtstag bekam ich meine erste Periode und ich wusste damals, das man schwanger wird, wenn man das tat, was Manuel mit mir tat. Ich freute mich, als ich wieder übers Wochenende Nachhause fuhr und er Nachts wieder kam.... Ich sagte ihm triumphierend, das er mich nun endlich in Ruhe lassen müsse, denn jetzt hätte ich meine Tage und könnte schwanger werden. Er ließ mich auch in Ruhe. Ich dachte, ich könnte feiern und alles sei vorbei, aber ich hatte ja keine Ahnung davon, das es so was wie Verhütungsmittel gab. Als ich zwei Wochen später wieder kam, hatte er Kondome und nichts war vorbei.... Die Hölle ging weiter und sie wurde schlimmer als je zuvor.... Ich begriff, das es nicht üblich war was er mit mir tat. Irgendwo las ich auch, das so etwas strafbar ist, aber damals war das alles noch so beschissen tabuisiert, das ich mich nicht wagte jemanden zu fragen...Es wurde schlimmer, weil die Gewalt zunahm. Weil es mir im Grunde egal war, ob er mich totprügelte, solange er mir nur nicht an die Wäsche ging... Alles, nur nicht diese ekelhaften Berührungen.... Und er schlug zu... manchmal so lange und so hart, bis ich nicht mehr aufstehen konnte und absolut wehrlos war. Meine Traumwelt war immer präsent, ich war selten in der Realität.... Und ich hatte aufgehört zu weinen. Es war, als ob ich keine Tränen mehr gehabt hätte. Ich konnte es nicht mehr. Damals fing ich an mit meinem toten dad zu sprechen. Ja, es gibt ne Menge Menschen, die an so was nicht glauben, die Leute für bescheuert halten, wenn sie sagen, das sie mit Toten sprechen. Als ich mal wieder aus diesem verfluchten Keller kam und mir am Main mit Laub das Blut aus dem Gesicht wischte, brüllte ich vor Zorn laut: "Papa, du bist ein feiges Schwein ! Wenn du nicht einfach abgehauen wärst, müsste ich diese ganze Scheiße vielleicht nicht ertragen....! Warum hilfst du mir nicht ? BITTE!" Ganz gleich was auch immer jemand sagen wird wenn er das liest, mein dad kam damals ! Ich weiß nicht, ob ich es mir so sehr wünschte, das ich es mir eingebildet hab, oder ob er wirklich da war.... ? Er setzte sich neben mich auf diesen kalten Stein, legte seinen Arm um mich und sagte, das er immer da gewesen sei, das ich niemals allein war. Und er sagte, das ich stark genug sei das alles auszuhalten, das es mich nicht zerstören könnte, denn ich sei viel stärker als dieses Arschloch es je sein könnte. Und ich sei stärker als er selbst es je gewesen wäre.... Ich erklärte ihm, das ich dahin wolle wo er sei, das auch ich sterben will, aber er sagte, das dies nicht das sei, was für mich geplant wäre. Ich dürfe nicht so schwach sein und mich umbringen... Dann war er weg.... Wer weiß, vielleicht stand ich damals wirklich am Abgrund des Wahnsinns und bildete mir alles nur ein ? Er kam noch öfter und wir sprachen viel.... Als ich 12 war ertrug ich aber nichts mehr. Ich war am Ende meiner Kraft und es war mir scheißegal, ob es meine Bestimmung war zu leben, ich wollte nicht mehr..... Die Nonne erwischte mich, als ich einige Röhrchen mit Tabletten stahl, die ich alle nehmen wollte. Sie schleppten mich zu einem Psychiater, wegen akuter Suizidgefahr. Der verordnete eine Gesprächstherapie. Mutter erzählte es natürlich sofort Manuel und der fing mich auf dem Schulweg ab, schubste mich in ein Gebüsch und zischte mich an: "Wenn du diesem Idiotendoktor auch nur ein Wort von mir sagst bist du tot !" Ich sagte nichts von dem was er mir antat. Zum einen schämte ich mich unendlich und zum anderen war ich Überzeugt, das er mich umbrächte, wenn ich auspacken würde... Ich bekam Antidepressiva, die ich jedoch ans Klo verfütterte, weil ich niemals so enden wollte wie meine tablettensüchtige Mutter. Nachdem der gute doc sich ein halbes Jahr abrackerte und dennoch nicht an mich rankam, wurde ich als "geheilt" aus der Therapie entlassen. Ich musste nur versprechen, das ich nicht mehr sterben wollte und keine weiteren Versuche in dieser Richtung mehr starten würde. Ich hätte alles versprochen, damit ich nur nicht mehr reden und gleichzeitig doch weiter schweigen musste....  Eigentlich hätte dieser doc seinen Job noch einmal neu lernen müssen, denn ich war lächerliche 12 und führte ihn absolut an der Nase herum.... Mein SVV - Verhalten erkannte er nicht einmal ansatzweise, obwohl meine Arme damals echt übelst aussahen. Seit ich 11 war rauchte ich und meine Arme und Beine benutzte ich als Aschenbecher....

In der Schule wurde ich - bis ich etwa 12 war - weiter geärgert. Neue Beschimpfungen wie "Klosterfrau Melissengeist", oder "assi-Heimkind" kamen dazu.

Sie verprügelten mich weiterhin und ich steckte ein. Bis ein Klassenkamerad mir einmal so heftig einschenkte, das ich Nasenbluten hatte. Da endlich siegte meine Wut. Ich schlug zurück und ich war wie ein Tier im Ausnahmezustand. Ich hörte nicht mehr auf zu prügeln bis ich sah das er am Boden lag, Nasenbluten hatte und weinte. Zum ersten Mal fühlte ich wie es ist, wenn man sich wehrt und sich nicht ewig klein machen lässt... Und ich muss gestehen, ich fühlte mich verdammt gut dabei ! Seit diesem Tag ließ ich mich nicht mehr verdreschen in der Schule. Ich schlug zurück und die anderen hatten plötzlich Angst und Respekt vor mir, denn ich kannte keine Grenzen, wenn ich verletzt war und mich wehrte.... Wir bildeten eine Art Clique in der ich das einzigste Mädchen war. Wir rauchten heimlich hinterm Schulhof und ich war der Star, wenn ich mir mal wieder eine Zigarette auf meinem Arm ausdrückte.. Sie hatten keine Ahnung wie kaputt ich war... Woher auch ? Manchmal war es so schlimm, das ich mit einer Glasscherbe an mir rumschnippelte, oder Rasierklingen benutzte. Ich MUSSTE spüren, das dieser Körper meiner war....Das ich allein das schwachsinnige Recht hatte ihn zu verletzen und das ich meine Schmerzen unter Kontrolle hatte... So konnte ich spüren das ich noch lebte und nicht längst wirklich tot war...

Als ich 12 war und wir Ferien hatten, saß ich eines Tages mit meiner Mutter auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer. Sie saß genau neben mir und wir redeten über belangloses Zeug. Manuel ging an uns vorbei und griff mir plötzlich im Vorbeigehen an die Brust. (oder sagen wir besser dahin, wo mal eine Brust sein sollte) Ich war sicher das sie es gesehen hatte und das gab unglaublich viel Mut ! Ich dachte ernsthaft, das sie auf meiner Seite stehen würde.... Jedenfalls stand er genau vor mir und redete mit ihr, als ich ihm voll in die Eier trat. Ich hab mich echt bemüht alle Kraft aus dem Bein zu holen und es gab ein übles Geräusch, als ich meinen Fuß auf seinen Eiern platzierte.. Er schrie laut, hielt sich seine Eier und fiel auf die Knie... Mutter schlug die Hand vor ihren Mund und sah mich an als wollte sie mich fragen, ob ich noch ganz dicht sei ? Ich sagte nichts, ich genoss nur diesen Anblick... und ich wusste das ich dafür einstecken musste, aber das war es mir wert ! Jede Sekunde die ich ihn leiden sah war es verdammt noch mal wert, ganz gleich wie sehr er mich dafür auch verprügeln würde.... Es dauerte einige Minuten bis er sich gefangen hatte... Dann sprang er auf und riss mich an den Haaren vom Sofa... Ich glaub, so hab ich sie bis zu diesem Tag noch nie gefangen... Er schlug so hart zu, das ich mein Blut spritzen sehen konnte und ich flog durch das ganze Wohnzimmer. An diesem Tag hatte er seine Arbeiterschuhe an in denen an den Fußspitzen Stahlkappen waren. Als ich am Boden lag trat er mir in die Rippen bis ich kaum mehr atmen konnte...Ich glaubte er würde mich totschlagen und kroch in Richtung Klo. Dann rappelte ich mich auf und rannte die letzten paar Meter bis ins Klo, um hinter mir die Tür sofort abzuschließen... Ich verkroch mich auf dem Fußboden neben der Kloschüssel und betete, das er die Tür nicht eintreten würde.... Er klopfte mit etwas hartem an die Tür und brüllte, das er die Axt habe und wenn ich nicht öffnen würde, dann würde er dir Tür einschlagen und mir das Beil in den Schädel schlagen... Ich hatte Angst...weiß nicht ob es ein Wort gibt, das meine Angst in diesem Moment treffend umschreiben könnte ? Ich rief zurück, das ich nur aufmachen würde, wenn er verspräche mich nicht weiter zu schlagen... Schwachsinn, aber wenn man Todesangst hat ist man wohl nicht unbedingt in der beschissenen Lage logisch zu denken... Natürlich versprach er mich nicht weiter zu schlagen und natürlich öffnete ich die Tür... Kaum hatte ich den Schlüssel im Schloss umgedreht, als er gegen die Tür trat und ich mit der auffliegenden Tür wegflog. Er stürzte ins Bad und trat weiter auf mich ein... Ich hielt meine Arme schützend um meinen Kopf und kugelte mich auf dem Fußboden ein.... Er trat überall hin, in meinen Rücken, in mein Gesicht... Ich dachte mein Nasenbein wäre gebrochen und ich sah nur noch Blut.. Mutter stand in der Tür und rief nur: "Bitte hör auf, du bringst sie noch um, bitte hör auf!" Aber sie ging nicht dazwischen... Irgendwann hörte er auf. Er schrie noch einmal das ich nur ein Haufen Dreck wäre, ein elender Bastard und das es das Beste sei wenn ich verrecken würde und verließ dann das Bad.. Sie stand noch immer in der Tür und sah mir zu wie ich versuchte mich am Waschbecken hochzuziehen.. Alles tat weh was wehtun konnte und ich wusste nicht mehr welche Stelle an meinem Körper nicht wehtat... Ich nahm mir Klopapier und wischte mir das Blut aus dem Gesicht. Sie stand noch immer da und schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: "Warum Martina ? Warum bist du nur so aggressiv?" Ich sah sie an und antwortete: "Du hast doch gesehen das er mich angetatscht hat, deswegen hab ich ihm in die Eier getreten!" Sie sagte nur: "Nein, das hab ich nicht gesehen und das glaub ich auch nicht!" Zum ersten Mal in meinem Leben hab ich sie gehasst... Und ich hab es ausgesprochen, denn ich sagte: "Und genau dafür hasse ich Dich!" Dann schleppte ich mich in mein Zimmer, knallte die Tür zu und verkroch mich auf mein Bett. Als ich mich am Abend badete sah ich das ganze Ausmaß.. Überall hatte ich Blutergüsse und an manchen Stellen konnte ich sogar die Schuhabdrucke erkennen... Es dauerte Tage bis ich wieder halbwegs ohne Schmerzen sitzen oder mich bewegen konnte...

Mit 13 fing ich einerseits wieder an zu leben, andererseits hatte ich noch einmal eine Phase in der ich mir nichts mehr wünschte als tot zu sein. Mutter war mit Manuel nach Hattersheim in eine zwei Zimmerwohnung verzogen. Nach wie vor musste ich jedes zweite Wochenende Nachhause. Die kleine Wohnung schreckte dieses Monster aber nicht ab und auch dort ging die Hölle weiter.. Außerdem hatten wir auch dort einen Keller und diesmal war er nicht mehr von außen einsehbar und somit für ihn noch sicherer. Als ich mal wieder mit ihm in den Keller zum "Aufräumen" gehen musste weil ich mich bereits zwei Wochenenden geweigert hatte bis ich wieder verdroschen wurde aus irgendwelchen schwachsinnigen und an den Haaren herbeigezogenen Gründen. Schläge.... das war etwas das zu meinem Alltag gehörte.. Wenn ich in seiner Nähe war und er sich nur mal am Kopf kratzen wollte, hob ich instinktiv schützend meine Arme vor mein Gesicht.. Ich war nichts anderes als menschlicher Abfall, denn anders wurde ich nie behandelt... Er benutzte mich für was immer er wollte und wann immer er es wollte. Es gab kein Entkommen, kein Entrinnen, was auch immer ich tat. Die Nonnen liebten ihn ! Ihn, Mister Saubermann, der immer im Anzug erschien und Kisten mit frischem Obst für all die armen Heimkinder anschleppte... Dagegen stand ich, die aufsässige 13 jährige mit ihrer frechen Klappe und dem ganzen Ärger den ich immer machte... Gott, wie ich diese Welt hasste... Wie ich jeden hasste der meinte mir etwas zu sagen zu haben.. und wie sehr ich mich doch selbst hasste... Irgendwann bot mir jemand in der Schule einen Joint an. Er erzählte mir, das es einem echt geil geht, wenn man stoned ist und man mal die ganze Alltagskacke für eine Zeit vergessen könnte.... Ein Wundermittel also, von dem ich noch nichts gehört hatte. Ich hab ihn dankend angenommen diesen, meinen ersten Joint ! Ich rauchte ihn auf dem Schulklo, aber irgendwie war es enttäuschend... Ich hatte gehofft das ich wirklich alles für eine Zeit vergessen könnte, aber die Wirkung war nicht atemberauschend... Mit 13 fing ich auch an mir Gedanken darüber zu machen was meine Schulkameradinnen und Kameraden von mir denken könnten. Ich wollte vermeiden das mir irgendwer blöde Fragen stellte und ich bemühte mich deswegen immer und überall "normal" zu wirken... Also beobachtete ich die anderen um es mir abzuschauen.. Alles was ich sah waren verknallte Teenager, die händchenhaltend über den Schulhof schlenderten. Wenn das der Normalität entsprach, dann musste ich das auch tun, redete ich mir ein. Liebesbriefchen bekam ich auch zugesteckt, nur hatte ich sie immer ignoriert. Die Vorstellung das mich jemand anfassen könnte verursachte Übelkeit in mir. Ich hatte Angst davor... Und überhaupt, ich war eigentlich froh wenn mich kein Junge länger als eine Minute ansah, weil ich mir sofort einbildete, er könne alles sehen was passiert war... Den ganzen Dreck..... Aber irgendwie musste ich es schaffen nicht aufzufallen und ich setzte mir eine Clownsmaske auf. Ich war immer gut gelaunt, immer lustig und hatte immer einen dummen Spruch auf Lager... Und dann fing es an mit den Jungs...Mein erster "Freund" hieß Frank und war der Schwarm der kompletten weiblichen sechsten Jahrgangsstufe... Ich trabte mit ihm Hand in Hand über den Schulhof, rauchte mit ihm und wir lachten viel. Niemand stellte mir dumme Fragen, keiner hielt mich für anders, oder komisch... Als er mich das erste Mal küssen wollte rannte ich weg... Ich wich ihm aus wo ich nur konnte und irgendwie verlief sich das Ganze im Sande.. Dann lernte ich den Bruder einer Klassenkameradin kennen. Er hieß Stefan und war schon in der 9.ten. Er strahlte immer wie ein hell erleuchteter Christbaum wenn wir uns sahen und er trug mir ewig meinen Schulranzen Nachhause... Irgendwann fragte er mich, ob wir "miteinander gehen" könnten und ich sagte ja. Er erzählte mir, das er noch nie mit einem Mädchen geschlafen hätte und das er es gerne mal versuchen würde. Ich bekam gleich Panik und meinte, das ich das nicht probieren wolle und ich mich noch nicht reif genug dafür halten würde...Am liebsten hätte ich ihn angeschrieen, das ich das ganze Thema zum Kotzen finde und er mich bloß damit in Ruhe lassen soll.... Auch Stefan war bald vergessen, denn irgendwann will auch ein 16 jähriger mal mehr als Händchen halten und platonische Küsschen verteilen. Und ich war längst nicht so weit als das ich das hätte ertragen können... Nach Stefan kamen noch unzählige andere, die ich jedoch auch jedes Mal aus meinem Leben verbannte, wenn sie nicht wie ich nur Händchen halten wollten.. Vermutlich hatte ich schon den geheimen Spitznamen "ewige Jungfrau" oder so... Aber das interessierte mich wenig !  Mit 15 war ich dann mit einem anderen Frank zusammen. Er war 17 und das er schüchtern war kam mir gerade recht. So hatte ich nichts zu befürchten und er war schon happy wenn wir Hand in Hand durch die Gegend streiften. Ich glaub er war auch der Erste, der wirklich eine Menge für mich empfand und es tut mir heute echt leid, das ich ihn damals so schockiert hab. Wir waren am S-Bahnhof und ich hatte was geraucht. Den ganzen Tag schon hatte ich diese Weltuntergangsstimmung und als wir Nachts am Bahnhof waren und ich von weitem die S-Bahn kommen hören konnte, legte ich mich auf die Gleise und wollte meinem Dasein ein Ende bereiten... Er stand ein ganzes Stück weiter weg und es war stockdunkel. Als er mich rief und ich nicht antwortete, rannte er an den dunklen Gleisen entlang bis er fast über mich stolperte... Die S-Bahn kam näher und er zerrte mich mit aller Gewalt von diesen Gleisen.... Er war ziemlich geschockt und verstand die Welt nicht mehr. Aber auch sein Bitten ob ich denn nicht mit ihm drüber reden wolle was mich so belastete half nichts... Ich hätte es nicht aussprechen können und schämte mich nur so unsagbar für mein ganzes beschissenes Leben... Aber er war da und als ich Rotz und Wasser weinte nahm er mich in den Arm und schwieg... Ließ mich meinen Schmerz rausweinen und fragte nichts.... Was besseres hätte er in diesem Moment nicht tun können!

Kurz vor meinem 15.ten Geburtstag war ich wieder Zuhause. Ich "schlief" auf dem Sofa im Wohnzimmer und kaum konnte ich Mutter im Nebenzimmer schnarchen hören, konnte ich auch schon die Schritte dieses Arschlochs wahrnehmen. Ich schlief niemals richtig ! Seit ich denken kann war die Nacht mein Feind und Schlaf ist für mich gleichbedeutend mit ausgeliefert sein... Auch wenn ich niemals wirklich etwas verhindern konnte, so konnte ich die Vorstellung nicht ertragen, das ich schlafen und wehrlos sein würde... Es nicht wenigstens versucht hätte es zu verhindern.. In dieser Nacht stellte ich mich - wie in so vielen zuvor schon - schlafend. Er kam an das Sofa, riss mich am Arm auf die Beine und zog mich unsanft in die Küche, die gleich neben dem Wohnzimmer und weiter weg vom Schlafzimmer meiner Mutter lag.....Aber diese Nacht war anders....ich war anders. Ich war entschlossen dieser elenden Hölle ein Ende zu bereiten, ganz gleich welchen Preis ich auch dafür zu zahlen hatte... Er schubste mich also in die Küche und ich wusste was folgen würde. Er drückte mich gegen den Herd und schnauzte mich an, das ich mich ausziehen solle. Wie seit einer halben Ewigkeit hatte ich alles an: Meine Jeans, meinen Pulli, meine Socken... Die Klamotten gaben mir Sicherheit, auch wenn sie mich nie schützen konnten.. Er stand ganz dicht vor mir und ich hatte wieder diesen abartig ekligen Geruch seines Haarwassers in der Nase. Das Straßenlicht schien durch das kleine Küchenfenster und dann sah ich dieses große Messer neben mir auf dem Kühlschrank aufblitzen. Ich dachte nicht lange nach und griff es mir.. hielt ihm die Klinge an den Hals. Er sah mir in die Augen und ich konnte zum ersten Mal Angst in ihnen erkennen... Dieses miese Schwein hatte Angst vor mir ! Er flüsterte flehend, das ich das Messer wieder hinlegen soll, doch ich drückte es ihm fester an den Hals und sagte: "Fass mich nie wieder an ! Ich stech dich ab, wenn du mich auch nur noch ein einziges Mal berührst ! Und es ist mir egal ob ich dafür in den Knast muss, denn nirgendwo kann mir schlimmeres passieren als das was du mir angetan hast!" Er spürte meine Entschlossenheit und seine Angst ließ seine Stimme fast versagen als er noch einmal sprach: "Bitte, leg das Messer wieder hin. Du kannst in dein Bett gehen, ich gehe auch wieder in mein Bett !" Ganz langsam legte ich das Messer wieder auf den Kühlschrank ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Er verließ sofort die Küche und ließ mich in Ruhe. Er ließ mich einfach in Ruhe ! Ich konnte es kaum glauben... Aber ich blieb vorsichtig und vermied es immer mit ihm allein zu sein. Ich traute dieser Ratte keinen Meter weit.. Und ich bereute es bis heute dennoch unzählige Male, das ich ihm nicht die Kehle aufgeschlitzt habe ! Das ich sein erbärmliches Leben verschonte, obwohl er mein eigenes zerstörte...

Ich hatte dieses Arschloch überlebt, aber meine Wunden waren mehr als tief.. Mein unbeschreiblicher Hass war in mir und ich musste jeden verfluchten Tag mit all den Erinnerungen leben... Damals mutierte ich zu einer Art "Racheengel" und ich freute mich diebisch wenn ich andere fertig machen konnte... Ich fing an zu trinken, kiffte wie nur was...alles um ein bisschen vergessen zu können, ein klein wenig frei von all dem zu sein... Ich verdrosch MitschülerInnen, schlug so lange auf eine Nonne ein bis sie am Boden lag und weinte, haute ständig ab und trampte durch die Gegend und machte was ich wollte... Aber das ist ein anderes Kapitel, das ich dann unter "Meine Jugend" posten werde.

Als ich dieses Tier 1990 anzeigte, fragte die Kripobeamtin mich wie oft er mich in diesen sieben Jahren vergewaltigt hatte. Ich überlegte einen Moment und antwortete: "Ich hab nicht mitgezählt, aber ich schätze mal, das es über einhundert Mal passiert ist......"

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